Der hybride Ansatz im Szenario der Landes- und Bündnisverteidigung

Die 3.Kp mit Feldnachrichtenkräften bei der Übung Allied Spirit

Allied Spirit 2022 (AS 2022) ist eine durch die US-amerikanischen Streitkräfte ausgerichtete, multinationale Übung, die den sogenannten “New Generation Warfare” simulieren soll, sprich den hochintensiven, militärischen Einsatz in einem nicht rein militärischen Umfeld. In diesem Szenario klärte der I. Feldnachrichtenzug für den Brigadekommandeur der lettischen Mechanisierten Infanteriebrigade (MechInfBrig) aus dem rückwärtigem Raum auf.

Mittel und Kräfte der Nationen mit einem Auftrag - lettische Soldaten vor dem US-amerikanischen CH-47 „Chinook“

Für AS 2022 stand die Verteidigung des Gefechtsstreifens im bayrischen Hohenfels sowie der Einsatz von militärischer Gewalt in einem schnell wechselnden Umfeld ganz klar im Fokus. Für die Volltruppenübung wurde der lettischen MechInfBrig ein fiktiver Feind gegenübergestellt. Zehn Tage lang wurden dabei über 6.000 Soldaten aus 12 Nationen beübt. Schwerpunkt der Übung war der Einsatz von Kampfverbänden mit der dazugehörigen Einsatzunterstützung in einem schnellwechselnden Szenario in teilweise bewohnten Gebieten.
Im Kernübungszeitraum vom 21. bis zum 31. Januar konnte der Einsatz eines Feldnachrichtenzugs auf Brigadeebene geübt und der hybride Ansatz erprobt werden. Mit dem Ziel, zur Deckung des Informationsbedarfs des Brigadekommandeurs beizutragen, stellte sich der Feldnachrichtenzug darauf ein, in drei Phasen vorzugehen. Die Phase 1 mit zwei Trupps in der Gesprächsführung mit Kontakten (GmK), Phase 2 mit jeweils einem Trupp in der GmK und einem Trupp in der Befragung von Kriegsgefangenen und die Phase 3 mit zwei Trupps in der Befragung.
Üblicherweise üben Feldnachrichtenkräfte für den Verteidigungsfall schwerpunktmäßig die Befragung von Kriegsgefangenen und von Personen in Gewahrsam der Streitkräfte. Um ein vollständiges Lagebild zu generieren, hat der I. Feldnachrichtenzug die Informationsgewinnung auf Zivilpersonen ausgeweitet. Dieser Ansatz forderte von den Feldnachrichtentrupps ein hohes Maß an Flexibilität. Die schnelle Lageänderung führte zu einer ständigen Anpassung des Auftrags.
Zu Beginn wurde ein Kontaktnetzwerk aufgebaut. Ziel war es, “Augen und Ohren” in so vielen Ortschaften wie möglich zu haben. Das Netzwerk sollte nicht nur über feindliche Bewe-gungen informieren, sondern auch über die Lage innerhalb der Ortschaften. Durch Treffen mit Zivilisten konnten sich die Feldnachrichtentrupps in der Gesprächsführung mit Kontakten beüben. Je intensiver die Lage wurde, desto mehr Gefangene wurden dem I. Feldnachrichtenzug zugeführt. Deshalb verlagerte sich der Schwerpunkt auf die Befragung. Durch das bereits gewonnene Lagebild und die ständigen Verbindung zu ihren Kontakten konnten die Befrager der Feldnachrichtentrupps besser vorbereitet in die Befragung gehen. Die Realitätsnähe der Übung brachte den I. Feldnachrichtenzug in seiner Ausbildung einen großen Schritt voran. Es hat sich bewährt, sich nicht nur auf eine besondere Einsatzart Feldnachrichten zu versteifen, sondern hochflexibel und der Lage angepasst zu agieren.
Im rückwärtigen Raum des Gefechtsstreifens der lettischen MechInfBrig befand sich die Forward Operating Base West (FOB-West). Dieses Lager war umzäunt und mit Stacheldraht verstärkt. Im Süden, im Westen und im Nordwesten des Lagers befanden sich jeweils ein gesichertes Tor. Der Zug identifizierte einen Parkplatz, auf dem die Unterkunftszelte aufgebaut wurden. Gegenüber des Parkplatzes konnten ein umzäuntes Gelände für den Zug genutzt werden. Dort wurden zwei Zelte errichtet, in denen dann Befragungen durchgeführt wurden. Die Zelte wurden dem Zug aus einem US-amerikanischen Lager zur Verfügung ges-tellt.
Die Witterungsbedingungen waren eine große Herausforderung. Mit bis zu -13°C wurde die Belastbarkeit von Soldat und Material auf die Probe gestellt. Straßen waren teilweise eingefroren und US-amerikanische Schiedsrichter zeigten des öfteren Bilder von Fahrzeugen, die durch die widrigen Witterungsbedingungen von der Fahrbahn abgekommen waren. Privat beschaffte Kälteschutzjacken machten die Situation für die Soldaten des Zuges erträglicher.

Ein Team von Observer/Coach/Trainer (OCT) der US-amerikanischen Streitkräften und drei Schiedsrichter aus unserem Schwesterbataillon aus Lüneburg standen dem Feldnachrichtenzug jederzeit zur Seite. Die Unterstützung sowohl von deutschen- als auch US-amerikanischen Schiedsrichtern war großartig. Während der Übung führten sie sogenannte ‚After Aktion Reviews‘ (AAR) und zum Ende der Übung eine umfassende Abschlussbesprechung durch. In den Auswertungen bekam der Zug auf allen Ebenen ein sehr lehrreiches Feedback. Dank dieser Hinweise und Ratschläge der Schiedsrichter und OCTs konnte der Zug viel über den Einsatz von Feldnachrichtenkräften in Szenarien der Landes- und Bündnisververteidigung dazulernen. Insgesamt eine Erfahrung, die den I. Feldnachrichtenzug aus Eutin in seinen Fähigkeiten sehr viel weiter gebracht hat.
Das Joint Multinational Readiness Center (JMRC) in Hohenfels hat den Eutiner Feldnachrichtenkräften ideale Bedingungen geboten, um den Einsatz im Szenario Landesverteidigung und Bündnisverteidigung zu üben. Diese Erfahrung würden wir nicht missen wollen und hoffen, unser Wissen und Können bald erneut in so einem komplexen Szenario vertiefen zu können!


OL Piera