Der Respekt ist deutlich gestiegen
Ein Soldat in Eutin und die Zeitenwende: Seit Till K. 2014 zur Bundeswehr ging, hat sich etwas verändert
Till K. (31) ist Hauptmann der Bundeswehr in Eutin. Als er 2014 zum Militär ging, verstand das nicht jeder. Aber etwas hat sich verändert seitdem.
Der Zugang zur Oberst-Herrmann-Kaserne in Eutin ist durch eine große Schranke gesichert. Sie öffnet sich nur, wenn man zur Bundeswehr gehört – oder eine ausdrückliche Genehmigung hat, das Areal zu betreten. Man sieht Soldaten vorfahren, man sieht sie in Gebäude gehen. Salutieren. Fahrzeuge beladen. Antreten. Abtreten. Auch Soldatinnen sind unter ihnen.
Hauptmann Till K. steht vor dem Eingang. Fotos in der Kaserne seien nicht erlaubt, erklärt er, Fotos vor der Anlage kein Problem. Seinen Nachnamen will er nicht veröffentlicht sehen, ansonsten sei er offen für alle möglichen Fragen. „Ich bemühe mich, nicht allzu sehr im Bundeswehrsprech zu antworten.“ Dann lädt er ins Mannschaftsheim und bestellt einen Kaffee.
Neugier aufs Militär
Zur Bundeswehr sei er 2014 aus „reiner Neugierde“ gestoßen, erzählt der 31-Jährige. Ursprünglich kommt er vom Niederrhein bei Moers. „In meiner Familie gibt es keine besondere Historie oder einen Bezug zum Militär.“ Er sei recht behütet aufgewachsen und wollte sich vor seinem Studium diese „andere Welt“ nur mal anschauen. Die Reaktion seiner Angehörigen damals? „Überrascht und distanziert.“
K. meldete sich dennoch an. Seine erste Station führte ins Seebataillon nach Eckernförde. Er hatte damals nicht geplant, für immer zu bleiben, aber wie immer im Leben kam es anders.
Das „ehrlichere Gefühl“, wie K. beschreibt, und womit er seine Einstellung zur Bundeswehr meint, kam im Laufe der Grundausbildung und im Austausch mit Vorgesetzten und Kameraden. Er habe Afghanistan- und Somalia-Veteranen kennengelernt und ihre Geschichten gehört. Er habe gesehen, was Kriegseinsätze für Spuren hinterlassen und was echte Kameradschaft bedeutet, nämlich „immer und bedingungslos für den anderen einzustehen“.
Diese Ideale und Wertvorstellungen hätten ihn sehr beeindruckt – so ist er aus Überzeugung bei der Bundeswehr geblieben.
Informationen über den Gegner gewinnen
Seine „einfache Neugier“ auf diese andere Welt stieß jedoch auf ein „hartes Aufwachen“, erzählt er. Alles, was er sich unter dem Wehrdienst vorgestellt hatte, war in der Tuchfühlung nochmal anders. Härter. Realer. Vor allem, was die körperliche Ausbildung und Einsätze angeht, erzählt K. – er war aber nicht abgeschreckt. Ganz im Gegenteil. „Unsere Gesellschaft braucht eine Instanz, die in der Lage ist, die Werte des Grundgesetzes, der Freiheit und der Errungenschaften, auf die wir sehr stolz sein können, zu verteidigen und im Zweifel auch durchzusetzen.“
Nach einem Jahr wechselte K. von der Marine zum Heer. Heute gehört er in Eutin zum Heeresaufklärungsbataillon 6 „Holstein“. Der Auftrag: Informationen über den Gegner gewinnen. Strategien erkennen. Schritte im Vorwege ausspähen. Das lerne man in intensiver Gefechtsausbildung und längeren Übungsplatzaufenthalten, erzählt er. Einen Kriegseinsatz hatte er noch nicht.
„Natürlich habe ich Angst vor dem Tod“
Aber bei aller Theorie ist die Praxis noch mal etwas anderes, das weiß auch Till K., der sehr freundlich, sehr bedacht, sehr genau auf Fragen eingeht und abwägt, wie er was formuliert, um nicht zu bundeswehrstrategisch zu klingen. Und auch nicht zu politisch, wie er sagt. Der Mann ist Soldat – mit seiner Meinung hält er sich zurück.
Aber ein Manöver ahmt den Krieg nur nach. Eine Waffe bei einer Übung zu halten ist etwas anderes, als im Krieg töten zu müssen. Und der eigene Tod ist etwas, was bestimmt auch bei Soldaten Angst auslöst. Oder?
„Ja“, sagt der Hauptmann und macht eine lange Pause. „Natürlich.“ Es sei aber eine Angst, die er im Alltag verdränge. „Die bewusste Entscheidung, die Werte des Landes zu verteidigen, steht darüber.“ Die Überzeugung ist stärker als die Angst vor dem Tod.
Deutschlands ambivalente Beziehung zur Bundeswehr
Deutschland hat eine ambivalente Beziehung zur Bundeswehr, das weiß auch Till K., der Geschichte studiert hat und noch überlegt, zu promovieren. Aber jedes Land braucht ein Militär, um sich zu verteidigen, und jedes Militär birgt die Gefahr des Militarismus. Nur lässt sich Pazifismus angesichts neuer politischer Lagen noch rechtfertigen? Stichwort Putin. Stichwort Trump. Stichwort Nato.
„In der Nachbetrachtung liegt es auf der Hand, dass es ein Fehler war, an der Bundeswehr zu sparen“, erklärt K., aber man müsse sich fragen, warum es dazu gekommen ist: „Aus der Situation der Zeit betrachtet, gab es nach dem Fall des Eisernen Vorhangs nachvollziehbare Gründe, die diese Einstellung und das Abrüsten rechtfertigen.“ Deutschland habe, im Gegensatz zu Polen oder baltischen Ländern, einen Puffer und keine direkte Grenze zu einem potenziellen Aggressor. „Das macht auch einen Unterschied in der Wahrnehmung der Wehrpflicht aus.“
Zeitenwende in der Wahrnehmung
Die große Herausforderung sei es nun aber, Lehren aus der aktuellen Situation zu ziehen und „die Streitkräfte in Zukunft gut für ihre vielseitigen Aufgaben aufzustellen“.
Es ist ein starkes Wort, dieses Wort „Zeitenwende“, mit dem die Bundesregierung nach dem Überfall Russlands auf die Ukraine 2022 eine neue Ära auch bei der Bundeswehr einläutete. Vorzeichen gab es schon 2014 mit der Annexion der Krim. Wirklich wach wurde die Öffentlichkeit aber erst 2022.
Statt Abrüstung steht jetzt wieder Aufrüstung zur Diskussion. Mit Milliarden von Extra-Euro und einem Sonderfonds, um eklatante Defizite wieder aufzuholen. Von der Ausstattung bis zur Aufstellung. Von neuen Drohnen-Einsatzmöglichkeiten bis hin zu KI.
Mehr Akzeptanz, mehr Respekt
Aber die „Zeitenwende“ sollte auch eine Veränderung der Wahrnehmung markieren, wie K. und viele seiner Kameraden noch feststellen sollten. „Das Bewusstsein in der Gesellschaft hat sich spürbar verändert.“ Wo die Bundeswehr sonst eher als Fremdkörper betrachtet wurde, ist sie nun essenziell, um die Freiheit und Souveränität des Landes zu verteidigen. Auch deswegen wird in der Politik über die Aufstockung des Etats diskutiert.
K. findet das richtig. Die weltpolitische Lage zeige, dass eine neue Bedrohungslage, die man lange nicht für möglich gehalten habe, „nicht mehr auszuschließen“ sei. Dieses eine Mal lässt er sich auf eine politische Aussage ein. „Es braucht eine starke Bundeswehr, ja.“
Und seine Familie? „Da ist der Respekt deutlich gestiegen“, erzählt er. „Und auch das Verständnis dafür, was wir als Streitkräfte wirklich machen: Nämlich den Wertekompass unseres Landes verteidigen und für den Schutz unserer freiheitlich demokratischen Ordnung einstehen.“
Foto: Lutz Roessler, LN
Text: Schabnam Tafazoli, Redakteurin
im Original erschienen zuerst am 2. März 2025 in den Lübecker Nachrichten