141 Tage KOSOVO – Ein Bericht
Zwischen Frieden, Fragilität und internationalem Zusammenhalt
Seit Beginn des Einsatzes 1999 haben über 95.000 Soldatinnen und Soldaten der Bundeswehr ihren Auftrag erfüllt: die Sicherung der öffentlichen Ordnung in der Republik Kosovo. Dabei gab es immer wieder Zeitabschnitte, in denen die äußere Bedrohungslage die Sinnhaftigkeit des Einsatzes einem jeden glasklar vor Augen geführt hat, und es gab auch jene Zeit, in denen der ein oder andere sich gefragt hat: „Ist unser Auftrag nicht längst erfüllt?“
Im Moment ist die Bedrohungslage, zum Glück, niedrig. Frieden ist jedoch mehr als die bloße Abwesenheit von Krieg und wir sind im Kosovo noch denkbar weit entfernt von resilienten staatlichen Strukturen, die einer serbisch-russischen Einflussnahme wirksam entgegentreten könnten. Gerade in Zeiten des wiederaufflammenden russischen Imperialismus in Europa, hybrider Kriegsführung in den baltischen Staaten, Drohnenüberflügen im polnischen Luftraum, Angriffskrieg in der Ukraine, leistet KFOR einen entscheidenden Beitrag zur Stabilität auf dem Westbalkan und damit zur Gesamtabsicherung unserer europäischen Friedensarchitektur. In den folgenden Abschnitten möchte ich Ihnen die Rahmenbedingungen, unter denen wir arbeiten und unseren Einsatz durchführen, näherbringen.
Die Verlegung ins Einsatzgebiet
Am Sonntag den 24. Sep 25 um 18:00 Ortszeit verlegten wir von der Oberst-Herrmann-Kaserne zum Flugplatz der Flugbereitschaft des BMVgs in Köln. Diesen erreichten wir gegen 01:00 Ortszeit, aber unglücklicherweise erhielten wir im Vorfeld durch den Leitverband eine falsche Abflugzeit und verbrachten darauf hin weitere vier Stunden in einem Vorraum der Wache. Dann ging es aber nach einem zügigen Check-In pünktlich um 09:00 Ortszeit mit einer A 231 in Richtung des Balkans. Die Flugzeit betrug in Summe 2 Std 35min. Angekommen am ADEM-JASHARI-Flughafen in Pristina wurden wir sodann von unseren Vorgängern aus der LLAufklKp 310 empfangen und ins „Camp Film City“ verbracht. Auf der Fahrt konnten wir bereits die ersten Eindrücke der Umgebung und des Landes auf uns wirken lassen.
Die Unterbringung
Nach der Ankunft im Camp gab es zunächst ein ausführliches IN-Briefing und eine fordernden Hand Over – Take Over Phase (=Übergabe). Erst danach erfolgte der Einzug in unsere Container. Ein eigenes Holzhaus mit integrierten Containern und Arbeitsbereichen wartete darauf bezogen zu werden. Hinter der Holzverkleidung verbarg sich jedoch weit mehr als eine schlichte Zweckunterkunft – hier ließ es sich tatsächlich gut leben. Im Untergeschoss des Gebäudes befanden sich die Stuben der oldaten, eine Nasszelle, Wohnzimmer und Küche, während im Obergeschoss vier (4) Büros untergebracht sind. Arbeiten und Wohnen lagen also dicht beieinander, was sich als äußerst praktisch und effizient erwies. Jeder Soldat bewohnte eine eigene Stube. Sicherlich ein Alleinstellungsmerkmal. Schlicht, aber funktional: Bett, Spind, dazu ein Schreibtisch und Stuhl – alles, was man zum Leben braucht. Auch einen Gemeinschaftsbereich gab es: ein Dart-Bereich und TV-Station sorgte für etwas Abwechslung in der „Freizeit“: ein Hauch von Normalität und Gemütlichkeit nach getaner harter Arbeit. Sogar wer selbst kochen wollte, konnte dies in der voll ausgestatteten Küche tun (wurde aber eher selten genutzt) – und für Waschvorhaben standen eine Waschmaschine und Trockner bereit.
Die Verpflegung im „Camp Film City“
Die zentrale Kantine versorgte Soldaten aller Nationen, zu jeder Tageszeit mit reichlich Auswahl. Bereits am Morgen wartet ein reichhaltiges Buffet. Eier in allen Variationen, Pfannkuchen, Croissants und die obligatorischen Bohnen in Tomatensoße. Hier konnten wirklich unterschiedliche Frühstücks-Gewohnheiten anderer Nationen bedient werden. Zum Mittag hin, sowie am Abend, war die Auswahl noch um einiges größer. Nudeln in verschiedenen Formen, Reis, Kartoffeln und Pommes bilden die Grundlage. Dazu gibt es täglich drei Fleischgerichte sowie eine Fischvariante. Wer Gemüse bevorzugte, fand Bohnen, Brokkoli, Rosenkohl und Karotten. Den süßen Abschluss bildet eine breite Auswahl an Desserts, von Kuchen über Eis bin hin zu frischem Obst. Dies kam einem Hotelstandard schon sehr nahe. Zusätzlich standen neben der Kantine noch fünf Restaurants im Lager zur Verfügung.
Das Freizeitangebot im „Camp Film City“
Für die (natürlich) begrenzte Freizeit bot das Camp Film City ein breites Angebot zur freien Gestaltung. Zum einen hat jede Nation ein National Support Element (NSE), welches zu geselligen Abenden, Dart-Turnieren oder Billiard einlud. Durch dieses Angebot war ein regelmäßiger Austausch national wie auch international möglich und wichtig, denn letztendlich musste man ja zusammen arbeiten, sich kennen und vertrauen. Weiterhin gab es die Möglichkeit, das Camp unter bestimmten Auflagen zu verlassen, um sich die Stadt Pristina mit all ihren Facetten näher anzusehen. Auch dies war für unsere Arbeit von großer Bedeutung, denn die Kenntnis von Sitten und Gebräuchen, die Art zu leben, zu beten und zu feiern kann elementar für das Erkennen von Gefahren und Konflikten sein: interkulturelle Kompetenz! Darüber hinaus stellte auch die sogenannte „Morale and Welfare Activities (MWA)“ Angebote zur Verfügung, wie zum Beispiel Kurztrips, Wanderausflüge, Mountainbike Touren und ähnliches. Für den physischen Ausgleich konnten die Soldaten auf ein umfassend ausgestattetes Fitnessstudio zurückgreifen. Zusammenfassend kann man feststellen, dass sich das Zusammenleben als Feldnachrichtenzug, sowohl national als auch international sehr angenehm gestaltete. Mit Verlassen der Unterkunft tauchte man ein in das internationale Umfeld. Alle Nationen repräsentieren dabei neben ihrer Uniform, auch ihre eigene Herkunft und Kultur in Form von Festen, Veranstaltungen und Feiertagen. Dies förderte die Interaktion und sprachliche Weiterbildung jedes Einzelnen enorm.
Die Kultur im Einsatzland
Neben all den Vorzügen des Camps, liegt der wohl spannendste Anteil jedoch vor den Toren des Camp Film City. Die Wahrnehmung der Begegnungen beschreibt einer der Soldaten des Zuges im folgenden Absatz:
„Der erste Einsatz im Kosovo war auch das erste Mal, dass ich in ein muslimisch geprägtes Land reiste. Entsprechend gespannt war ich, wie die Menschen dort wohl auftreten und welchen Umgang ich erfahren würde. Schon nach meinen ersten Tagen außerhalb des Camps und den ersten Gesprächen mit Einheimischen war ich positiv überrascht: Die Offenheit und Herzlichkeit mit der ich empfangen wurde, haben mich sofort beeindruckt. Besonders gegenüber Deutschen wird ein sehr respektvoller und freundlicher Ton gepflegt, was den Einstieg in Begegnungen deutlich erleichtert. Auffällig war für mich, dass viele Menschen zwar muslimisch geprägt sind, ihren Glauben aber in einer sehr lockeren und offenen Form leben. Diese Haltung wirkt nicht streng, sondern ist vielmehr in den Alltag integriert, ohne dabei eine spürbare Distanz zu Nicht-Muslimen aufzubauen. Gerade in dieser Ausprägung erscheint mir die Religion hier sehr gut mit westlichen Werten vereinbar. Auch im Straßenbild und in den Gesprächen wird deutlich, welchen prägenden Einfluss Amerika und Europa in den vergangenen Jahren auf das Land hatten – kulturell ebenso wie gesellschaftlich.
Ein Absatz zur Kultur im Kosovo wäre jedoch unvollständig, ohne den Straßenverkehr zu erwähnen. Er ist nichts für schwache Nerven: spontane Fahrmanöver, kreative Auslegungen von Regeln und ein ständiges Chaos gehören dazu. Mit Gelassenheit, Handzeichen und vorausschauender Fahrweise lässt sich aber auch diese vermeintlich chaotische Situation meistern – vielleicht sogar als kleine Schule in Geduld und Rücksichtnahme.“
Gefahren im Einsatz und Fazit
Doch, bei all den überragenden Arbeitsbedingungen, stellt sich in jedem erfolgreichen Einsatz irgendwann die Frage, ob die Sicherheitslage so gut und die Strukturen vor Ort so gefestigt sind, dass internationale Truppen guten Gewissens nach Hause zurückkehren können. Im Kosovo ist die Lage stabil, am Wochenende fährt aus dem Camp Film City ein Shuttle Bus zur Mall, Soldaten können häufig das Camp verlassen und am Wochenende füllen sich die Bars in Pristina. Gleichzeitig droht gerade im nicht weit entfernten Land Bosnien ein multi-ethnischer Staat auf dem Balkan zu zerbrechen und Serbien wird von landesweiten Protesten und Zusammenstößen erschüttert, mit unklaren Folgen für die Situation im Kosovo. Es bleibt daher nur zu hoffen, dass die Arbeit von 26 Jahren KFOR erfolgreich war und weiterhin bleibt und die rotierenden Kontingente aus aller Welt bald in ihre Heimat zurückkehren können. Bis dahin führen wir als Zug unseren Auftrag unverändert fort und geben dabei täglich unser Äußerstes, damit die Menschen hier im Kosovo weiterhin in Frieden leben können.
Hptm Aron K.