Allied Spirit 22
Das Aufklärungsbataillon 6 als Auge und Ohr eines multinationalen Großverbandes
Das Aufklärungsbataillon 6 „Holstein“ nahm vom 11. Januar bis zum 5. Februar 2022 in Vorbereitung des eFP-Einsatzes in Litauen (enhanced Forward Presence) am zwölften Durchgang ALLIED SPIRIT im US-amerikanisch
betriebenen Gefechtsübungszentrum Hohenfels in der Oberpfalz teil.
Die Großübung wurde vom Joint Multinational Readiness Center (JMRC) der US-Streitkräfte ausgerichtet und hatte das Ziel, die Fähigkeiten der teilnehmenden NATO-
Nationen und deren Verbündete im Bereich der Inter-
operabilität auf taktischer Ebene in einem hochintensiven Gefecht zu üben. Was „multinational“ in diesem Kontext
bedeutet, wird deutlich, wenn man die Eckdaten dieser Übung betrachtet: über 6.000 teilnehmende Soldaten aus zwölf
Nationen unter der Führung der 1. Panzerdivision als Multinational Division Hohenfels (MND-H).
Übungsszenario
Das JMRC sah ein Übungsszenario vor, in dessen Verlauf sich die MND-H dem Angriff einer feindlichen Mechanisierten Infanterie Division entgegenstellte. Der Skolkan Alliance – ein fiktiver Staatenverbund, der von Skandinavien die zentral europäischen Staaten bedroht – gelang es,die Baltischen Staaten zu annektieren und mit vier Korps in Polen einzufallen. Um den feindlichen Truppen den weiteren Angriff auf Deutschland und Österreich zu verwehren, formierte sich die NATO an der deutsch-polnisch-tschechischen Grenze neu. Hier setzte das Übungsszenario des JMRC an und bildete für die 1. lettische Brigade die Grundlage für die Vorbereitungen zur Verteidigung.
Kräfteansatz
Dem lettischen Brigadekommandeur wurde das Aufklärungsbataillon 6 als Auge und Ohr seines multinationalen Großverbandes unterstellt. Damit hatte das Bataillon den Auftrag zum einen der Träger der Spähaufklärung für die Brigade zu sein und zum anderen auf Ebene der Zelle Informationsverarbeitung und Auswertung (ZIVA) des Bataillonsgefechtsstandes eine Lagefeststellung zu gewährleisten.
Unsere gemischte Aufklärungskompanie, die für die 11. Rotation enhanced Forward Presence (eFP) im 1. Halbjahr 2022 vorgesehen war, bildete mit drei Spähtrupps FENNEK, einer leichten Spähgruppe und einer Radargruppe mit PARA einen wesentlichen Teil des Kräftedispositvs. Ergänzend stellte das Aufklärungsbataillon 6 „Holstein“ einen Feldnachrichtenzug an die Brigade ab. Diese Feldnachrichtenkräfte führten sowohl Gesprächsführung mit Kontakten als stabilisierende taktische Aktivität als auch Befragung von Kriegsgefangenen in einem hochintensiven Gefecht durch.
Die Aufklärungskräfte sollten direkt an die lettische Brigade angebunden werden, um dem Brigadekommandeur möglichst zeitgerecht und präzise Aufklärungsergebnisse zur Verfügung stellen zu können. Daher wurde der Eutiner Bataillonsgefechtsstand Haupt direkt an den rückwärtigen lettischen Brigadegefechtsstand angelehnt.
Die zehntägige Gefechtsübung verlief in drei Phasen
Die erste Phase stand im Zeichen der Verzögerung. Die G2 Abteilung der lettischen Mechanisierten Infanterie Brigade vermutete den Angriff von einem Feind in Brigadestärke, der die Absicht hatte, die Stadt Neumarkt i.d. Opf als Zwischenziel der feindlichen Division zu nehmen. In dieser Phase kam es dem Brigadekommandeur besonders darauf an, dass das 2. lettische Mechanisierte Infanterie Bataillon den Feind verzögert, um die eigene Verteidigung vorzubereiten.
In der zweiten Phase galt es den gegnerischen Angriff zum Erliegen zu bringen und die Voraussetzungen für einen Gegenangriff der Brigade zu schaffen und in der dritten Phase den Feind zu zerschlagen.
Die große Herausforderung für die Aufklärungskräfte in allen drei Phasen war es, gemäß den eigenen Grundsätzen für die Spähaufklärung folgerichtig eingesetzt zu werden. Aufgrund der räumlichen Grenzen des Übungsgeländes konnte die originär vorgesehene Eindringtiefe für Spähtrupps auf Großverbandsebene von mindestens 25 Kilometern nicht gewährleistet werden. Um dem so gut wie möglich entgegen zu wirken, wurde beim JMRC in Zusammenarbeit mit der 1. Panzerdivision eine Erweiterung des Übungsraumes für die eigene bodengebundene Spähaufklärung beantragt.
Dies erlaubte es, die Spähtrupps in der ersten Phase circa 10 Kilometer weiter in Richtung des Feindes einzusetzen. Eine detaillierte Auswertung der Übung und die Erkenntnisse und Schlussfolgerungen daraus sollen an dieser Stelle nicht weiter betrachtet und dargelegt werden. Generell bot die Teilnahme an der multinationalen Großübung Allied Spirit In der Rückschau jedoch viele Chancen und insbesondere für die Eutiner Aufklärer war sie eine exzellente Vorbereitung für die Gestellung der gemischten Aufklärungskompanie in der 11. Rotation eFP in Litauen. Besonders lehrreich erwiesen sich die während der Übung aufkommenden Herausforderungen und identifizierten Schwächen in den eigenen Einsatzgrundsätzen. Erneut kamen der Interoperabilität in einem multinationalen NATO-Umfeld und dem Zusammenwirken mit der streitkräftegemeinsamen taktischen Feuerunterstützung eine besondere Bedeutung zu. Ferner zeigte sich die Bedeutung einer ausreichenden Anzahl kompetenter Verbindungsoffiziere, die nicht zu unterschätzende sprachliche und fachliche Fähigkeiten mitbringen müssen.
Aus diesen Erkenntnissen konnte das Aufklärungsbataillon 6 aufschlussreiche „Lessons Learned“ ziehen und Handlungsbedarfe für die Ausbildung und zukünftige Übungsvorhaben des Verbandes generieren.
Neben den funktionalen Erkenntnissen bot Allied Spirit die wesentliche Chance, einen Einblick in das lettische „Mindset“ zu erhalten, wie es auch bei den anderen baltischen Staaten unterstellt werden kann. Es ist durch ein stark ausgeprägtes Bedrohungsempfinden gegenüber der Russischen Föderation charakterisiert.
„Allied Spirit“ war für die Eutiner Aufklärer ein Aufwand, der sich gelohnt hat. Vier Wochen Hohenfels, im Januar bei Minusgraden, EPA und Leben im Felde, forderten durchaus ein erhöhtes Maß an „Entbehrungen“ und „Widerstandsfähigkeit“. Gleichzeitig forderte ein gleichwertiger Gegner in einem hochintensiven, hybriden Szenario kontinuierlich die militärische Professionalität und Flexibilität. Letztlich sendete „Allied Spirit“ vor allem auch eine klare Botschaft der Solidarität und Verteidigungsbereitschaft in Richtung unserer Verbündeten an der NATO-Ostflanke.
H Adrian