Die Geschichte einer außergewöhnlichen Verwendung

Stabsfeldwebel Stefan Henke ist als „Sensor Operator“ bei einer NATO-Einheit auf Sizilien eingesetzt. Ein gewachsener Heeresaufklärer – in der Fliegerkombi, bei der Luftwaffe, im Süden Italiens:

Einige von mehreren Gründen die Geschichte eines doch eher außergewönhlichen dienstlichen Weges zu erzählen. Stabsfeldwebel Henke erinnert sich…

 

Dienstag, 06. Januar 2015. Morgenparole.

Dunkelheit, Regen und 0 Grad… „Wie schön, endlich wieder Heereswetter!“ dachte sich ein Teil von mir. Gleichob ein anderer Teil die warme Sonne Afrikas schon schmerzlich vermisste: Nach einem 3-monatigen Einsatz mit der Marine in Ostafrika sollte die Kälte dieses Morgens mehr als nur den Neubeginn meiner dienstlichen Routine in der Stammeinheit in Eutin bringen. Im Gegenteil: An diesen Tag und seine Neuigkeiten sollte ich mich noch lange zurückerinnern.

Der Spieß hatte an diesem Morgen lediglich einen Punkt für sein Uffz-Korps: Luftbildauswerter in Sigonella seien gesucht. „Sigonella?!… Moment, da war doch was!“ Die Marineflieger erzählten mir während meines Einsatzes von diesem Flugplatz. Auf dem Weg nach Djibouti wird auf diesem auf Sizilien gelegenen Flugplatz zwischengelandet. „Wo es nicht überall Bundeswehrstandorte gibt!“, dachte ich so bei mir, während mein Entschluss sich freiwillig zu melden recht schnell ausgereift war.

Chef und Kommandeur waren voll einverstanden und so erreichte mich im April selbigen Jahres meine Vororientierung. Mit der Versetzungverfügung zum August, die ich im Juni erhielt, war dann auch der oblgatorische Zeitdruck aufgebaut worden…

Auslandsumzug, Wohnungsbesichtigung, Papierkram:

Es lagen sicherlich keine langweiligen Wochen hinter mir als ich meinen Dienst auf Italiens größter Insel antrat. Auch meine etwas eingerosteten Englischkenntnisse waren nicht mehr von Bedeutung: In der Luftwaffe sagt man „Flexiblity is the key to airpower“, im Heer würde man wohl sagen „Klage nicht und lerne!“… Herausfordernd war die erste Zeit, so viel sei bereits verraten, allemal.

Nach Inprocessing und Neuanfang am südlichen Ende Europas begann ich meinen Dienst auf echtem NATO-Neuland: Die NATO Allied Ground Surveillance Force (NAGSF) wird künftig fünf Aufklärungsdrohnen auf Basis des amerikanischen „Global Hawk“ betreiben: Mit der Spannweite eines Passagierjets liefert sie hochwertige Aufklärungsergebnisse aus großer Höhe, bei jedem Wetter, eine lange Einsatzdauer… nur einige ihrer vielen Vorteile. Deutschland wird den zweitgrößten Truppenteil innerhalb der NAGSF stellen.

Als ich ankam, waren wir ein kleines Vorauskommando… Grundlagen schaffen war die Devise. Für mich bedeutete dies zunächst sehr viel Zeit auf Reisen. Nach Kalifornien zum Hersteller, zu Airbus am Bodensee, zur NATO nach Oberammergau und Rom, Paris und Ramstein. Dann meine erste Übung in Den Haag. Die Zeit verging im bzw. wie im Fluge. Meine Expertise als Drohnensteuerer und Luftbildauswerter waren gefragt und geschätzt.

Jedoch sollte der anfängliche Schwung schnell einen Dämpfer erhalten: Verzögerungen! Wie so oft bei Großprojekten. Während um mich herum die Strukturen wuchsen, so auch die deutsche Dienststelle im benachbarten Motta Sant Anastasia, nährte sich meine Furcht das System während meiner Stehzeit vielleicht nie zu Gesicht zu bekommen.

SF Henke in Sizilien

So folgerichtig daher mein frühzeitger Antrag auf eine 3-jährige Verlängerung für mich war, umso größer war das Entgegenkommen meiner Personalführung als man diesem stattgab. Eigentlich ist nach 3 Jahren NATO Schluss, man machte aufgrund der besonderen Umstände und meiner Erfahrungen mit unbemannten Fluggeräten in der Aufklärungstruppe eine Ausnahme. Und ja, der geneigte Leser ahnt es bereits, ich habe mich hier sehr schnell wohlgefühlt… und tuhe es immer noch. Das Klima, das Meer, die gute sizilianische Küche, die Nachbarschaft zum spektakulären wie aktiven Vulkan Ätna, selbst die, nett ausgedrückt, temperamentvolle Art und Weise der eingeborenen Bevölkerung Fahrzeuge von A nach B zu bewegen, Sizilien fasziniert mich immer noch und immer wieder.      

Ich bin gerne Teil einer jungen NATO-Einheit und einer aufwachsenden Bundeswehr-Dienststelle. Heute leben und dienen bereits 70 deutsche Soldatinnen und Soldaten, viele mit Familie und Kindern hier vor Ort. Schulen, Wohnungsfürsorge, ein deutscher Stab… es ist für alles gesorgt und ich bekenne, es war spannend bei diesem Aufwuchs dabei gewesen zu sein. Auch die NAGSF biegt auf ihre Zielgerade ein. Über 250 Kameradinnen und Kameraden aus 17 Nationen dienen hier vor Ort miteinander, verbunden in einem Ziel: Die Ankunft des ersten Fluggerätes Mitte 2019. Ebenso entsteht bereits die Baustelle für die feste Infrastruktur… es geht voran.

Ich beginne somit meine zweite Halbzeit hier vor Ort mit viel Freude und Zuversicht. Wer an einer besonderen Verwendung im Ausland Interesse hat, den kann ich in Sachen „Bundeswehr auf Sizilien“ nur bestärken. Dennoch blicke ich auch ein Stück weiter nach vor: Gerne will ich wieder eines Tages, dann ohne Fliegerkombi und um viele Erfahrungen reicher, in meiner alten Dienstheimat Eutin antreten, ganz getreu dem Motto „Geh zu 6, da wirste was!“

 

Mit einem Gruß aus der sizilianischen Wintersonne,

 

SF Stefan Henke

Senor Operator bei der NATO Allied Grund Surveillance Force

SF Henke in Sizilien