Der große Zapfenstreich
Ein außergewöhnlicher Auftrag – eine besondere Ehre
Während unseres SIRA-Durchgangs im November 2024
erhielt ich einen überraschenden und ebenso dringlichen
Anruf von Oberst i.G. Prinz zu Waldeck, welcher mir
mitteilte, dass auf das Bataillon ein besonderer Auftrag in 2025 zukommen könnte oder würde: die Durchführung
eines Großen Zapfenstreiches!
In den kommenden Monaten sollte sich dann herausstellen, dass wir – das Aufklärungsbataillon 6 „Holstein“ – anlässlich der Verabschiedung des Stellvertretenden Inspekteurs des Heeres und Kommandeur Militärische Grundorganisation, Herrn Generalleutnant Andreas Marlow, das höchste militärische Zeremoniell durchzuführen haben. Ein kein alltäglicher Auftrag für ein „Linienbataillon“. Warum aber ausgerechnet Eutin und das Aufklärungsbataillon 6 „Holstein“? Ganz einfach: Generalleutnant Marlow ist gebürtiger Eutiner, lebt in der Nähe von Plön, verbrachte einen Teil seiner Dienstzeit in Schleswig-Holstein und hat auch einen persönlichen Bezug zum Bataillon, als dass er von 2011 bis 2013 Kommandeur der Panzergrenadierbrigade 41 „Vorpommern“ war. Daher der Entschluss: Der Übergabeappell der MGO und der Große Zapfenstreich finden in Eutin statt! Die Suche nach dem geeigneten Veranstaltungsort sollte sich jedoch schwieriger als gedacht herausstellen. Ursprünglich war die Durchführung im Schlossgarten Eutin geplant, wo schon 2008 anlässlich „50-Jahre (Panzer-) Aufklärungsbataillon 6“ der Große Zapfenstreich durchgeführt wurde. Dies wurde uns jedoch aufgrund des Umweltschutzes durch die Kreisverwaltung Ostholstein untersagt. Weitere, der Würde des Anlasses und der Größe des Vorhabens entsprechende Örtlichkeiten konnten in Eutin leider nicht identifiziert werden. Sehr schade, da der Stadt und dem Kreis dadurch ein besonderes Event entgangen ist und wir uns in unserer Garnisonsstadt sehr gerne präsentiert hätten! Nach der Erarbeitung mehrerer Möglichkeiten eigenen Handelns fiel dann die Entscheidung auf die Alte Rennbahn vor dem Plöner Schloss. Nach einer Vielzahl an vorbereitenden koordinierenden Maßnahmen ging es dann nach der Sommerpause in die praktische Vorbereitung. Unterstützt durch zwei Kameraden aus dem Wachbataillon beim Bundesministerium der Verteidigung wurden knapp 180 Soldaten des Bataillons innerhalb von drei Wochen intensiv ausgebildet.
Dabei wurde dem ein oder anderen wieder bewusst, dass Formaldienst bzw. Protokolldienst durchaus anstrengend sein kann und ein hohes Maß an körperlicher Leistungsfähigkeit, Disziplin, Konzentrationsfähigkeit und Willenskraft erforderlich sind. Jedoch sei auch angemerkt: Formaldienst kann – wenn richtig ausgebildet – auch sehr viel Spaß machen. Am 25. September war es schließlich soweit – der Tag der Durchführung war gekommen. Ich weiß jetzt auch nicht mehr, wer aufgeregter war – die Truppe oder unsere beiden Ausbilder. Nach einer durchwachsenen Generalprobe sollte der scharfe Durchgang dann jedoch hervorragend funktionieren, jedenfalls waren der zu Ehrende wie auch die anwesenden Gäste voll des Lobes und der Anerkennung gegenüber der Truppe. Und dem kann ich mich nur anschließen: die Motivation und die gezeigte Leistung haben mich einmal mehr von diesem besonderen Bataillon überzeugt. Es war meinen Soldatinnen und Soldaten und mir eine große Ehre und ein unvergessliches Erlebnis, den Großen Zapfenstreich durchführen zu dürfen. Der unermüdliche und höchst professionelle Einsatz unserer Kameraden vom Wachbataillon sowie die eingebrachte Erfahrung des Stabsmusikkorps der Bundeswehr haben entscheidend zum Gelingen beigetragen. Die Truppe – sowohl in Eutin als auch in Berlin – kann stolz auf das Erbrachte sein!
Andreas Fetzer, Oberstleutnant & Bataillonskommandeur
Erklärung und Hintergrund
"Der große Zapfenstreich"
Der Große Zapfenstreich ist das höchste militärische Zeremoniell der Bundeswehr und ist nur sehr wenigen Soldaten oder Zivilpersonen vorbehalten. So haben nur Generale oder Generalleutnante (bzw. Admiral oder Vizeadmiral) sowie der Bundespräsident, der Bundeskanzler oder der Verteidigungsminister Anspruch auf einen Großen Zapfenstreich. Grundsätzlich wird dieses Zeremoniell durch das Wachbataillon beim Bundesministerium der Verteidigung durchgeführt.
Der Große Zapfenstreich nimmt auf dem vielfältigen Gebiet der deutschen Militärmusik eine besondere und herausragende Stellung ein. Diese feierliche Abendmusik mit ihrer Abfolge von Trommel- und Pfeifenstücken, Reitersignalen und dem „Gebet“ trägt bis auf den heutigen Tag die beiden großen ungebrochenen Traditionen deutscher Militärmusik in sich: die Trommeln und die Pfeifen, also das „Spil“ der Landsknechte sowie die Trompeten und Pauken der Reiterei.
Der Name Zapfenstreich stammt aus der Zeit der Landsknechte. Im Jahre 1596 wurde erstmals ein Abendsignal in Verbindung mit dem „Zapfenschlag“ erwähnt. Mit einem solchen Schlag bzw. Streich auf den Zapfen eines Fasses gab der Profos (Verwalter der Militärgerichtsbarkeit) das Signal zur Nachtruhe, die unbedingt einzuhalten war. Von diesem Zeitpunkt an durfte der Wirt keine Getränke mehr ausgeben, die Landsknechte hatten sich in ihre Zelte zu begeben und Ruhe zu halten. Zuwiderhandlungen gegen dieses Gebot wurden „exemplariter abgestraffet“.
Im Laufe der Zeit wurde es üblich, das Zeichen zur Nachtruhe auch in musikalischer Form zu geben. Bei der Kavallerie geschah dies durch Trompetensignale (die „Retraite“), bei der Infanterie durch besondere Spielstücke für Flöte und Trommel. Das heute übliche Zeremoniell des Großen Zapfenstreichs geht auf die Befreiungskriege (1813 – 1815) zurück. Aus dieser Zeit stammt der Brauch, dem Zapfenstreich ein kurzes Abendlied folgen zu lassen. König Friedrich Wilhelm III. befahl unter dem Eindruck eines Brauches in der russischen Armee im August 1813 auch bei seinen Truppen nach dem Zapfenstreich ein Gebet. Auf dieser Grundlinie (Locken – Zapfenstreich – Gebet) stellte Friedrich Wilhelm Wieprecht, der legendäre Wegbereiter deutscher Blas- und Militärmusik, die noch heute gültige Form des Großen Zapfenstreichs zusammen. Er erklang auf diese Weise mit 1.200 Mitwirkenden erstmalig am 12. Mai 1838 in Berlin als Abschluss eines Großkonzertes zu Ehren des russischen Zaren. Die damals erklungene Spielfolge umriss bereits ein Konzept, das bis zum Jahre 1918 zwar vielerorts variiert wurde, sich aber wie ein roter Faden bis zum heute verbindlichen Ablauf durchzieht:
- Locken zum Zapfenstreich (Spielleute)
- Zapfenstreichmarsch (Spielleute und Musikkorps)
- Retraite (die 3 Posten des traditionellen Zapfenstreiches der berittenen Truppen, Musikkorps)
- Zeichen zum Gebet (Spielleute)
- Gebet (Spielleute und Musikkorps)
- Abschlagen nach dem Gebet (Spielleute)
- Ruf nach dem Gebet (Musikkorps)
Seit 1922 endet der Große Zapfenstreich mit der Nationalhymne. Der Große Zapfenstreich wird von einem Spielmannszug und einem Musikkorps gemeinsam ausgeführt, die von zwei Zügen unter Gewehr und von Fackelträgern begleitet werden. Führer des Großen Zapfenstreiches ist ein Truppenoffizier, der mindestens im Range eines Stabsoffiziers steht und die für den Großen Zapfenstreich angeordneten Kommandos gibt. Die musikalische Leitung obliegt dem Chef des Musikkorps. Der Große Zapfenstreich marschiert unter den Klängen des „Yorckschen Marsches“ auf. Nach dem Einnehmen und Ausrichten der Formation folgt die Meldung an die zu ehrende Persönlichkeit. Daran schließt sich eine Serenade an, die üblicherweise aus drei Musikstücken besteht. Anschließend lässt der Führer des Großen Zapfenstreiches die Formation stillstehen. Es folgt der Große Zapfenstreich in der zuvor dargestellten Spielfolge. Beim anschließenden Gebet wird der Helm auf Kommando abgenommen. Nach der Nationalhymne erfolgt die Abmeldung des Großen Zapfenstreiches, der dann unter den Klängen des „Zapfenstreichmarsches“ ausmarschiert.
(Quelle: Bundesministerium der Verteidigung, Presse- und Informationsstab 2)