Erinnerungen
Von Düsseldorf nach Eutin – eine kleine Zeitreise
Wer hat an der Uhr gedreht, heißt es bei Paulchen Panther. Ist es wirklich schon so spät? Wohl wahr, es ist wirklich spät geworden … 43 Jahre sind vergangen, seit ich in Eutin meinen Wehrdienst absolvierte. Und meine Erinnerungen an diese Zeit sind arg verblasst. Erinnerungen? Nun ja, leider liegt es in der Natur der Sache, dass Erinnerungen immer nur recht unzuverlässige Konstruktionen des Vergangenen sind. Was also lag näher, diese Erinnerungen durch einige First-Hand-Eindrücke aufzufrischen. Kurzerhand fragte ich bei den Eutiner Aufklärern an, ob es denn möglich sei, dem Offizierskasino einen Besuch abzustatten. Dort hatte ich als Ordonanz meine nur mäßigen Fähigkeiten als Kellner unter Beweis stellen dürfen. Und nur zu gern würde ich die Räumlichkeiten noch einmal in Augenschein nehmen. Von wegen Realitätscheck. Die freundliche Antwort von Walter Hertz, dem 1. Sprecher der Kameradschaft AufklBtl 6 ließ nicht lange auf sich warten: kein Problem, kommen Sie vorbei.
Anfang November war es soweit. Wie ehedem bestieg ich in Düsseldorf den IC (diesmal eine Art Zeitmaschine), Umstieg in Hamburg, dann Lübeck, schließlich Eutin. Kein Wiedererkennen des Bahnhofgebäudes. Auch die Stadt selbst hatte ich übersichtlicher im Gedächtnis. Aber das Offizierskasino! Wie anno dazumal lag es da. Unwillkürlich stiegen Bilder des Katastrophenwinters 78/79 vor mir auf. Mannshohe Schneeverwehungen, sturmgetriebener Eisregen im Gesicht und natürlich Nonstop Kaffeekochen für den Krisenstab.
Im grünen Salon des Kasinos wurde ich von einem stämmigen Herrn begrüßt, der mir irgendwie bekannt vorkam. Wie sich herausstellte, handelte es sich um meinen ehemaligen Zugführer, Hauptfeldwebel Hermann Sott. Seinerzeit, also bevor ich mich ins Offizierskasino »absetzen« sollte, hatte er mich als Richtschützen für seinen Spähpanzer Luchs ausgeguckt.
Bei einem angeregten Plausch sichteten wir »Literatur«, Namenslisten und Fotos. Vieles hatte ich vergessen, wurde nun wiederbelebt, anderes war mir völlig neu. So auch die Ausführungen von Walter Hertz, der später noch zu uns stieß – Thema taktischer Ausbildung mit Gefechtssimulation im virtuellen Battle Space. Das war wahrlich eine andere Bundeswehr, als die, die ich von damals her kannte. Klar, wer hat an der Uhr gedreht …
Apropos: Meine Erinnerungen haben der Wirklichkeit weit gehend standgehalten. Auch wenn die Räumlichkeiten im Kasino mir einen Deut kleiner und das Kellergeschoss jetzt labyrinthischer erschienen.
Beim abschließenden Rundgang durch die Kaserne wurde mir bewusst, dass es nicht zuletzt auch die Erinnerung an Andreas Brückner war, die mich nach Eutin geführt hatte. Aber Achtung, jetzt wird’s etwas melancholisch. Andreas, wie ich kam er aus Düsseldorf, arbeitete im Geschäftszimmer der Kompanie. Hermann Sott (ausgestattet mit einem phänomenalen Gedächtnis) konnte sich gut an ihn entsinnen. Ich kannte Andreas bereits seit unserer Grundausbildung in Lüneburg. Ungezählte gemeinsame Bahnfahrten und Diskussionen verbanden uns, all die Erlebnisse, die die Bundeswehrzeit so mit sich bringt. Und dann 2011 ging Andreas den Weg alles Irdischen. Musste in Eutin oft an den Kerl denken …
Mein kleiner Rapport wäre unvollständig ohne ein großes Dankeschön an Walter Hertz und Hermann Sott, die mir ihre Zeit und Aufmerksamkeit geschenkt haben. Ich habe das nicht als selbstverständlich empfunden. Dieser Nachmittag wird mir – Konstruktion hin, Konstruktion her – lange im Gedächtnis bleiben.
Heinz Hachel