HAFFSCHILD

Die Vierte in der Hitzeschlacht am Stettiner Haff

Der 14. Juni war ein sonniger Montagmorgen, als kurz vor halb neun die Motoren gestartet wurden. Lauter Motorenlärm dröhnte und Dieselabgase erfüllten fortan die Luft. Es waren die aufgefahrenen Fahrzeuge der „ME3“, der 4. Kompanie, die die dritte Marscheinheit bildete. Nur noch die Kommandanten mit der Winkerkelle in der Hand standen neben ihren Fahrzeugen und warteten auf den letzten Befehl. Nun zeigte die Uhr Punkt halb neun. Die Kompaniechefin, Major Kießlich, gab das Zeichen: „Marsch!“. Die Kolonne setzte sich in Bewegung: Die „Vierte“ marschierte.

Zwei Wochen zuvor hatten die detaillierten Vorbereitungen genau für diesen Moment begonnen, dem Übungsplatzaufenthalt und seinem ersten Abschnitt, dem Marsch dorthin. Die Kompanie Hatte den Auftrag, sich zusammen mit dem gesamten Aufklärungsbataillon 6 im Rahmen der Brigadeübung „HAFFSCHILD“ auf dem Truppenübungsplatz JÄGERBRÜCK zwei Wochen lang zu beüben. Für das 1952 von der DDR am Stettiner Haff eingerichtete Übungsareal verriet der Wetterbericht warmes und sonniges Flugwetter (wichtig für uns „Drohnöre“). Die folgenden Tage bis zum 14. Juni wurden bei den Drohnenzüge KZO und LUNA durch die Vorbereitungen auf den Flugbetrieb bestimmt, während der Technische Aufklärungszug (TAZ) sich für das Training auf der Waldkampfbahn wappnete. Gemeinsam mit der Gruppe des Gefechtsstandes plante die Kompanieführung indes den mobilen Gefechtsstand und bereitete es für die Inbetriebnahme als „Spinne im Netz“ vor. Nachdem die bis zuletzt entstandenen Unwägbarkeiten und Lageänderungen von allen Beteiligten der Kompanie gekonnt durch agiles Management der „Aufklärerei“ gemeistert wurden, konnten alle Maßnahmen inklusive aktuellem Corona-Test rechtzeitig bis zum Marschbeginn abgeschlossen werden.
Mit dem Marsch von EUTIN nach JÄGERBRÜCK begann der erste Abschnitt der Übung. Nach acht Stunden Fahrt erreichte die Kompanie gegen Abend den Verfügungsraum GUMNITZ.

 

Die mit einigen alten Lagerhallen und Schleppdächern bebaute Freifläche entsprach mit seinem angrenzenden Wald zwar nicht gerade den Kriterien eines Luxushotels, doch versuchte der Spieß, das von ihm „erschlossene“ Gelände an dieses Niveau mittels eines „EM-Kinos“, einer „kleinen Kneipe“ und ausgefallenster Verpflegung heranzuführen. Am folgenden Tag startete die Kompanie in allen Bereichen mit der Inbetriebnahme ihrer Aufklärungssysteme. Während der TAZ sich in den nächsten Wochen aus dem Lager GUMNITZ immer wieder auf die Waldkampfbahn oder zum Schießen abmeldete, bezogen die Drohnenzüge ihr ganz eigenes Domizil in der gedeckten Aufstellung auf der Schießbahn 6. Noch am selben Tag trafen Kameraden aus den Aufklärungsbataillonen aus Gotha, Lüneburg, Aalen und Freyung ein und verstärkten die beiden Drohnenzüge. Gegen Abend erreichten auch die 12 Teilnehmer der LUNA-Fachausbildung des „Offizierslehrgangs Teil 3“ (OL3) unter der Führung ihres Hörsaalleiters, Hauptmann Haas, das Lager der Kompanie, um während der Übung die Tätigkeiten der Züge und des Gefechtsstandes in der Praxis kennenzulernen.

Die nächsten Tage übten die drei Züge und der Gefechtsstand ihre Kernaufgaben. Dabei entpuppte sich die Sonne zunehmend als der wahre Gegner der Übung. Sie stach insbesondere auf die Kameraden der Drohnenzüge von LUNA und KZO unentwegt herab. Bei wüstenähnlichen Temperaturen von fast 40 Grad Celsius auf der fast ebenso sandigen Schießbahn absolvierten die Kameraden, trotz kleinerer Ausfälle, vorbildlich insgesamt mit LUNA 22 und mit KZO 20 Flüge.
Am Wochenende indes sollte sich im Rahmen der Übung des Gefechtsstandes das Zusammenwirken des Personals und das der Kompanieführung sowie der einzuweisenden OL3-Teilnehmer unter Beweis stellen. Im Schichtsystem wurde drei Tage lang der Gefechtsstand gesichert, Funkverbindung gehalten und unzählige militärische Symbole auf Lagekarten übertragen. Zuletzt bot der Gefechtsstand noch ein Husarenstück in der Hitzeschlacht auf: Weil dem KZO-Zug ein Aggregator aufgrund der Hitze auszufallen drohte, nutzte der Gefechtsstand die eigene Ausweichübung pragmatisch dazu, den Kameraden einen neuen Aggregator vorbeizubringen, damit der Flugbetrieb auch in der zweiten Woche weiter aufrechterhalten werden konnte. Nach den vielen Flugstunden der Drohnenzüge und einigen Schießeinheiten des TAZ nahte in der zweiten Woche das Ende der Übung. Für dieses musste sich die Kompanie allerdings noch einmal „herausputzen“, zumindest den Schmutz aus den Radkästen. Denn für den Donnerstag war ein Quartalsappell mit Bataillonsfoto angesetzt, bei dem auch wieder Kameraden der 4. Kompanie ausgezeichnet wurden. So konnte der Übungsplatzaufenthalt, bis auf nur wenige personelle und materielle Ausfälle, erfolgreich absolviert werden. Wenn auch die EM-Spiele für die deutsche Nationalmannschaft nicht bis zuletzt siegreich waren, so hatte dennoch die 4. Kompanie ihre ganz eigene Hitzeschlacht gewonnen.

Der nächste Tag war der 25. Juni, der Tag des Rückmarsches. Die Temperaturen lagen nur noch etwas über 20 Grad Celsius. Wieder zeigte die Uhr kurz vor halb neun, als die Motoren starteten. Wieder dröhnte lauter Motorenlärm und erfüllten Dieselabgase die Luft. Wieder war es die 4. Kompanie, die als „ME3“ sich auf den Weg machen sollte. Als die Uhr Punkt halb neun anzeigte, gab die Kompaniechefin wieder das Zeichen „Marsch!“ und die Kolonne setzte sich in Bewegung: Die „Vierte“ marschierte.

OL d. Res. Nielsen