HOLSTEIN EXTREM II
Eine herausfordernde Durchschlageübung
Schon immer waren körperliche Robustheit, Entschlossenheit und Durchhaltewillen klassische Elemente des Soldatenberufs, die es zu verinnerlichen gilt, wenn man im hochintensiven Gefecht bestehen will. Dies war lange Jahre nicht im Fokus, aber die Refokussierung auf die Landes- und Bündnisverteidigung hat dies spätestens seit der Annektierung der Krim und den Kriegen in der Ukraine und im Nahen Osten nachhaltig geändert.
Das AufklBtl 6 hat hierzu unter der Federführung der 2.Kp im Zeitraum vom 09.10. – 12.10.23 die zweite Durchschlageübung des Jahres, genannt „Holstein Extrem“ im Raum Rendsburg-Eckernförde durchgeführt. Ziel war es hierbei, dass eine auf sich gestellte Gruppe, abgeschnitten von eigenen Kräften, sich wieder zur eigenen Truppe durchschlagen musste. Alle Soldatinnen und Soldaten des Bataillons nehmen dienstgradunabhängig mindestens einmal im Jahr an diesen Durchschlageübungen teil.
Das Ausgangsszenario war von Ungewissheit geprägt: Die Gruppen beziehen einen Verfügungsraum und warten auf ihren Folgeauftrag. Doch dann eine plötzliche Lageänderung. Der Feind hat einen Einbruch erzielt und eigene Kräfte überrollt, die Verbindung zum Bataillon ist abgerissen. Allen ist klar: Wir müssen uns so schnell wie möglich zum letzten befohlenen Sammelpunkt durchschlagen, um dort wieder Anschluss an eigene Kräfte herstellen. Bereits bei dieser Ausgangslage stellten sich beim Einzelschützen Fragen: Habe ich genug Nahrung und Wasser dabei? Welche Ausrüstung muss ich mitführen, welche ist nur Ballast? Es gilt: Was die Gruppe nicht mit sich führt oder während des Durchschlagens gewinnt, hat sie nicht zur Verfügung. Ein Kompass und ein Kartenausschnitt sind das Einzige, was die Gruppen zum Orientieren mit sich führen. Dies mag im Zeitalter der Digitalisierung aus der Zeit gefallen sein, es ist jedoch auch bei Ausfall von Elektronik und im Angesicht feindlicher elektronischer Aufklärung ein stets zuverlässiges Mittel. Beim Orientieren ist der einfache Weg nicht immer der Richtige. Das Umgehen von Ortschaften und Verkehrsknotenpunkten ist nötig, um nicht entdeckt zu werden. Daher schlägt man sich bestenfalls in der Nacht durch.
Wir wollen zunächst den 24-Stunden Sammelpunkt gewinnen. Bei Anbruch der Dunkelheit marschieren wir im strömenden Regen los. Doch die kräftezehrenden Meter dürfen keine Entschuldigung für nachlässiges taktisches Verhalten sein. Kein Weißlicht, kein Feuer, keine Zigarette. Nach teils langen Strecken und mit dem Feind im Rücken gewinnen wir endlich den Sammelpunkt. Aber wir treffen keine eigene Truppe an. Also ruhen wir uns aus, regenerieren, bevor es in der nächsten Nacht weitergeht. In der zweiten Nacht müssen die Gruppen den Nord-Ostsee-Kanal überwinden. Der wird sicherlich vom Feind überwacht! Neben dieser höchstbedrohlichen Phase der Überquerung droht hier Feindberührung. Wenn die Gruppen aufgeklärt werden, müssen sie ausweichen. Das Kräfteschonen ist dann vorbei. Es gilt, mit Feuer den Feind auf Abstand zu halten und schnell auszuweichen. Ziel ist es also, den 48-Stunden Sammelpunkt möglichst ungesehen zu erreichen. Doch dann fallen plötzlich Schüsse! Einer der Soldaten ist verwundet, er blutet stark und kann nicht mehr gehen. Es bleibt niemand zurück! Rasch wird eine Trage improvisiert und der Verwundete wird abwechselnd getragen. So erreichen die Soldaten die eigene Sicherung und werden von dieser aufgenommen. Von hier aus geht es weiter Richtung Küste. Dort werden alle, die bis hierher durchgehalten haben, von Booten aufgenommen und über die Eckernförder Bucht in Sicherheit gebracht.
Die bis zu 70km der Durchschlageübung hat manche an ihre Belastungsgrenze geführt. Aber alle haben ihr Wissen und Können vertieft. Dennoch bleiben grundlegende Fragen wie „Bin ich selbst belastbar genug, um mich viele Kilometer durchzuschlagen? Wie geht mein Körper mit Schlaf- und Nahrungsentzug um? Kann ich mich auch bei widrigen Bedingungen zu Höchstleistungen herausfordern? Die Antwort: Nur durch stete Übung kann die Bereitschaft und Befähigung hierfür geschaffen werden.
Lt Toni K.-S.